Die Vorständin der Stiftung Unabhängige Patientenberatung Deutschland (Stiftung UPD) und ihr Sohn, der Philosophie und Kulturwissenschaften studierte, hatten als Tandem ein Jahr lang in ihrer Freizeit zum Leben der Infektiologin Meta Alexander recherchiert. Katharina selbst erlebte die 1924 geborene Meta Alexander noch als Ausbilderin sowohl in ihrem Medizinstudium als auch in der Ausbildung zur Krankenschwester. Lukas näherte sich ihrem Leben vor allem aus der Perspektive als Bewohner des Bayerischen Viertels, das Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Boden gestampft worden war und in dem besonders viele jüdische Menschen lebten.
Eine wichtige Rolle für Katharinas und Lukas‘ Arbeit spielte eine Kiste, die viele Jahre im Keller des Hauses bei einem unserer Nachbarn gestanden und selbst einem Wasserschaden getrotzt hatte. Steuerunterlagen, Briefe, Urkunden, Mitgliedschaften, Auszeichnungen: Meta Alexander war eine akribische Abhefterin. Zum Glück. Denn zusammen mit den Infos aus der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ im Rathaus Schöneberg konnten Katharina und Lukas so das Leben und die Karriere der Frau nachpuzzeln, die sich in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Wissen, Hartnäckigkeit, Geschick und Durchsetzungsvermögen in der Männerdomäne Medizin am Klinikum Westend nach sehr weit oben arbeitete.
Wie viele (nicht nur) sehr erfolgreiche Menschen war Meta Alexander offenbar auch, sagen wir, etwas speziell. So mussten Studierende und junge Leute in der Pflegeausbildung Symptome von Krankheiten wie Zucken und Schreien vor der versammelten Mannschaft vorspielen, weshalb alle in ihren Vorlesungen den Platz in der ersten Reihe zu vermeiden versuchten.
Einer unserer Gäste schilderte, wie er unter Meta Alexanders strengen Augen als angehender Neurologe seine erste Lumbalpunktion machen musste. Nachbarinnen und Nachbarn aus dem Haus, die sie noch erlebten, erinnerten sich an sie als entschlossene und auffallende Erscheinung, die als leidenschaftliche Reiterin oftmals spätabends in Reitstiefeln aus dem Grunewald nach Hause kam und die in der Hausgemeinschaft durchsetzte, dass der Aufzug quietschgelb gestrichen wurde. Was er bis vor nicht allzu langer Zeit auch blieb. Legendär offenbar auch ihre Abendveranstaltungen mit exquisitem Alkohol und von Zigarettenqualm vernebelten Zimmern im zweiten Stock des Hauses.
Was bleibt von Meta Alexander, die 1999 starb?, fragten Sybilla und ich Katharina und Lukas zum Abschluss. In ihrer Funktion als bedeutende Medizinerin bleibt von ihr, dass sie das damals neue Feld der Infektiologie geprägt, ein Standardwerk für dieses Fach geschrieben, die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) mitgegründet, Generationen von Mediziner:innen und Pflegekräften geschult hat und mit ihrer Stiftung bis heute herausragende Nachwuchsmediziner:innen gefördert werden.
Als Frau bleibt sie Vorbild für junge Frauen, sich von Männern nicht wegdrängen zu lassen, und das in Zukunft vielleicht wieder mehr denn je. Für uns am Bayerischen Platz hat sich ein Bild von einer früheren Mitbewohnerin und Zeitzeugin der Geschichte des Bayerischen Viertels geformt, das wir alle ohne dieses Buch nicht hätten.
Gleichzeitig steht diese Recherche von Katharina und Lukas für einen Abschluss: Vor einigen Jahren hatten wir als Hausgemeinschaft drei Stolpersteine für die ermordeten Juden und Jüdinnen aus dem Haus verlegt, Paula Eisenhardt, Arthur Alfred Eisenhardt und Dr. Kurt Moser. Mit dem Buch aus der Reihe „Jüdische Miniaturen“ von Dr. Katharina Graffmann-Weschke und Lukas Weschke wissen wir nun auch, was die NS-Herrschaft für das Leben der letzten uns bekannten Bewohnerin des Hauses mit jüdischer Herkunft bedeutete. Sie, so fassen es die Autorin und der Autor zusammen, musste ihre Herkunft verschweigen, um sich zu schützen.
Das Buch
Meta Alexander. Ein Leben für die Infektiologie.
Hentrich & Hentrich
ISBN: 978-3-95565-719-2
Die Autor:innen
Dr. Katharina Graffmann-Weschke
Lukas Weschke
Betty Baldauf I Doris von Bernuth I Fritz von Bernuth I Familie Weschke I Dr. Caroline Isner & Kollegin I Jucunda Riebel I Annika Stübe I Corinna von Büdingen I Dr. Jörg SchwanderI Gabriele Tammen-Parr I Dr. Annette Fugmann-Heesing I Sofia Hankel I Hans-Peter Föhrding I Franz & Heidi I Leonie I Marlene I Manfred Peckl I Thorsten Schulte I Dr. Peter Janker I Gundula Hövermann I Stefanie Roloff I Christian Hövermann I Silvia Kieper